Heimatverein zu Besuch

Besuch im Stollensystem am Graben
 
Wenn sich in Kirchberg die Mitglieder des „Erzgebirgischen Heimatvereins“ treffen, ist das bei der geografischen Lage im Erzgebirgsvorland sicher nichts Unerwartetes. Als jedoch der „Erzgebirgische Heimatverein Nauheim/Weiterstadt e.V.“ mit uns Kontakt aufnahm, staunten wir nicht schlecht. Die ca. zehntausend Einwohner zählende Stadt Nauheim liegt nämlich mitten in Hessen, etwas südwestlich von Frankfurt am Main. Dort gibt es einen Erzgebirgischen Heimatverein mit über zweihundert Mitgliedern? Das klingt ja wirklich interessant!
 
Nach einigem Schriftwechsel stand es dann fest: eine Delegation dieses Vereins möchte sich gern unsere Stadt anschauen und dabei auch unseren Verein kennenlernen. Wir freuten uns sehr auf diese Gelegenheit. Unsere Heimatstadt präsentieren wir stets gern und natürlich interessierte uns das Geheimnis eines hessischen Erzgebirgischen Heimatvereins.
 
Am Samstag dem 31. August konnte eine kleine Abordnung unseres Vereins schließlich die fünf weitgereisten Gäste vor dem Rathaus begrüßen. Das „Protokoll“ sah ein straffes Vormittagsprogramm vor. Wir besuchten zunächst unsere Arbeitsgruppe Modellbahn im Meisterhaus. Diese hatte ihre weihnachtliche Ausstellung für uns schon einmal aus der Sommerpause geholt. Informativ erklärten sie den Besuchern die Anlagen, auf denen trotz der warmen Temperaturen einige Züge in den schneebedeckten Landschaften ihre Runden kreisten. Das naturgetreue Modell der Schmalspurbahnstrecke von Wilkau- Haßlau nach Rothenkirchen erntete dabei besonders viel Lob.
 
Im Anschluss eilten wir zur St. Margarethen Kirche. Herr Hecker erwartete uns dort zur Kirchturmbesichtigung. Wir hörten dabei viel Interessantes aus der Geschichte der Stadt, der Kirche und natürlich der des Turmes. Eine originale Wetterfahne, das mechanische Werk der Turmuhr, die vier Glocken samt Gestühl, die liebvoll restaurierte Türmerwohnung ... – die Aufzählung der Sehenswürdigkeiten ist lang.
 
Die urigen, authentischen Treppen, auf denen wir vorsichtig auf- und abstiegen, sorgten später noch den ganzen Nachmittag für unterhaltsamen Gesprächsstoff. An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich beim Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde, Herrn Hecker, für diese unterhaltsame Führung bedanken.
 
Zur Stärkung kehrten wir nun alle gemeinsam ein, natürlich im Anton- Günther- Berghaus auf dem Borberg. Hier bot sich in gemütlicher Atmosphäre endlich auch Gelegenheit für ausführlichere Gespräche. Wir erfuhren, dass die Nauheimer regelmäßig in mehreren Gruppen Laientheater spielen und damit in ihrer Region weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt sind. Die kleinsten Schauspieler, die „Bambinis“, präsentieren mehrmals im Jahr Märchenstücke. Unter dem Namen „Die Kriminalisten“ nehmen Jugendliche und junge Erwachsene schauspielerisch Detektive und Verbrecher aufs Korn. Das „Saalbautheater“ schließlich brachte im letzten Jahr zum Beispiel den „Robin Hood“ mit einigem Augenzwinkern auf die Bühne. Der Nauheimer Heimatverein baute für diese vielen Auftritte einen historischen, denkmalgeschützten Kuppelsaal zu einem kleinen Theater um. Bühnen- Beschallungs- und Beleuchtungstechnik sind fest installiert. „Dadurch, dass wir in unseren eigenen Räumen spielen, können wir Kulissen und Technik zwischen den Proben und Aufführungen gleich stehen lassen und sparen damit die Zeit zum Auf- und Abbau“ berichtet Ehrard Herrberger, Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender des Vereins. Als gelernter Bühnenbildner weiß er, wovon er spricht.
 
Die mehr als zwanzig Sänger starke Gesangsgruppe des Heimatvereins leitet Daniel Schmidt. Nicht ganz ohne Stolz sagt der gerade Vierundzwanzigjährige: „Wir sorgen schon einige Jahre dafür, das ganz Nauheim den „Vugelbeerbaam“ in erzgebirgischer Mundart mitsingen kann“. Aber auch das Musical „Mamma Mia“, gemeinsam mit der Theatergruppe einstudiert, füllte in diesem Jahr den Nauheimer Saalbau.
 
Jana Koszela, die als Kulturverantwortliche diesen Besuch initiierte, erklärt uns ein Problem ihres Vereins: „Gerade durch das Theaterspielen kommen sehr viele junge Menschen zu uns. Es fällt uns oft schwer, die Rollen älterer Personen in unseren Stücken zu besetzen – wir haben einfach wenige wenige reifere Leute bei uns“. Nun, ganz ehrlich, dieses „Problem“ hätten wir in Kirchberg auch gern.
 
Gut gestärkt stiegen wir dann auf der Wendeltreppe zum Borbergturm hinauf und schauten auf die schöne Umgebung Kirchbergs. Von der zweithöchsten Erhebung der Stadt ging es jetzt hinab in die Kirchberger Unterwelt. Herr Prehl und sein Kollege führten uns durch das Stollensystem am Graben. Selbstverständlich würzten auch die Bergführer die abwechslungsreiche Besichtigung mit viel Wissenswertem aus der Stadtgeschichte. Nach dem Besuch des kleinen Museums neben dem Stolleneingang schauten wir noch eine kurze Runde über den Altmarkt. Seit dem Heimatfest
beschäftigt sich unser Verein mit der Biergeschichte Kirchbergs. Deshalb durfte ein kleiner Vortrag über Reihenschank, Blüte und Niedergang der Bierbrauerei am ehemaligen Brauhausstandort nicht fehlen.
 
Endlich besuchten wir auch unsere Vereinsbaude in der Niedercrinitzer Straße. Bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen vertieften wir die Gespräche vom Mittagstisch. Dabei erfuhren wir, dass ehemalige aus dem Sudetenland Vertriebene Erzgebirger, ihre Angehörigen und Freunde in Nauheim einst den Erzgebirgischen Heimatverein gründeten. Das war im Jahr 1965, der Verein arbeitet also bereits mit Hochdruck auf sein fünfzigjähriges Bestehen hin. Die Erzgebirger fern der Heimat verstanden und verstehen es offenbar sehr gut, ihre Kinder und Enkel, ja eigentlich die ganze Stadt für das Erzgebirge zu begeistern. „Seit unsere Mitglieder und Gäste regelmäßig an unseren Erzgebirgsquiz rätseln dürfen wissen endlich auch alle, in welchem Bundesland das Erzgebirge liegt“ schmunzelt Florian Marx, der Vorsitzende des Vereins. Regelmäßige Exkursionen in unsere Region festigen den Bezug zu unserer Region ebenso wie das Singen von Mundartliedern.
 
Schließlich tauschten die Vereinsvorstände einige kleine Gastgeschenke aus. Als hätten wir uns vorher abgesprochen gab es von jeder Seite ein Souvenir und ein regionaltypisches Getränk. Die Herzen der Erzgebirger schlagen offenbar unabhängig von der Entfernung im gleichen Takt. Ja, dieser Samstag bereitete uns sehr viel Freude und wir hoffen, unsere Gäste fanden auch Spaß daran. Wir möchten nun zunächst in Kontakt bleiben. Vielleicht entwickelt sich ja eine tiefere Freundschaft – das würde uns sehr freuen.